Zu schnell unterwegs

Ja, Dr. Schräg am Apparat!

Anrufer: Hallo Herr Doktor, ich wollte mich mal mit Ihnen austauschen.

Dr. Schräg: Ja, bitte!

Anrufer: Also, ich bin vorbestraft, aber sonst geht’s mir gut.

Dr. Schräg: Sie sind vorbestraft und es geht Ihnen gut.

Anrufer: Ja, das stimmt. Manchmal denke ich, dass alles viel zu schnell gegangen ist.

Dr. Schräg: Alles ist zu schnell gegangen.

Anrufer: Ja. Wissen Sie, ich bin nämlich ein Kapitän.

Dr. Schräg: Sie meinen, Sie sind ein richtiger Kapitän und haben ein Schiff?

Anrufer: Nein, nein. Ich bin, nee, ich war mal ein „Kapitän der Landstraße“ und immer verdammt schnell unterwegs. Das können Sie mir glauben.

Dr. Schräg: Sie waren also Fernfahrer. Interessant!

Anrufer: Ja, und schnell war ich. Das hat auch mein Chef immer gesagt. Freddy hat er gesagt, du bist der Schnellste.

Dr. Schräg: Aber ist das nicht gefährlich, ich meine, so mit 40 Tonnen im Rücken? Und dann steht nachts plötzlich ein Reh auf der Straße.

Anrufer: Wenn’s doch nur ein Reh gewesen wäre, aber es war eine Frau.

Dr. Schräg: Und da wollten Sie höflich sein und haben angehalten.

Anrufer: Genau! Wie die Frau da so hilflos am Fahrbahnrand stand und mir zuwinkte, da konnte ich gar nicht anders.

Dr. Schräg: Sie konnten nicht anders.

Anrufer: Sie hatte übrigens nur Stiefel an und sonst nichts. Und bei kaltem Wetter ist das für einen Spaziergang zu wenig und für die Gesundheit ist es auch schädlich. Finden Sie nicht?

Dr. Schräg: Ja, das finde ich auch.

Anrufer: Sehen Sie, und genau deshalb bin ich sofort in die Eisen gegangen…äh, habe heftig auf die Bremse getreten. Aber das hätte ich lieber nicht tun sollen.

Dr. Schräg: Das verstehe ich jetzt aber nicht ganz. Sie wollten der Dame doch helfen.

Anrufer: Ach, das war überhaupt keine Dame. Das war ein Lockvogel.

Dr. Schräg: Ein Lockvogel?

Anrufer: Als ich nämlich meinen Brummi zum Stehen gebracht hatte und ich wieder rausguckte, da war sie weg.

Dr. Schräg: Sie war weg?

Anrufer: Ja, aber dafür standen zwei Kerle da und zielten mit ihren Knarren auf mich. Da habe ich natürlich sofort wieder Gas gegeben. Nicht zu wenig, das können Sie mir glauben.

Dr. Schräg: Das glaube ich Ihnen aufs Wort. Und was ist dann passiert?

Anrufer: Die beiden Typen sprangen zur Seite und mein 40-Tonner raste nur ganz knapp an ihnen vorbei.

Dr. Schräg: Sie waren bestimmt froh, dass es alles in allem doch noch so gut für Sie ausgegangen ist.

Anrufer: Ja, das hat aber nicht lange vorgehalten. Und wenn Freddy erst mal schlechte Laune hat, dann … Übrigens, das hat mein Chef auch immer zu mir gesagt. Freddy, wenn du erst mal schlechte Laune hast, dann …

Dr. Schräg: Dann?

Anrufer: Tjaa … ich habe meinen Brummi an der nächsten geeigneten Stelle gewendet und bin zurückgefahren.

Dr. Schräg: Sie sind wieder zurückgefahren, hatten Sie denn gar keine Angst?

Anrufer: Nein, ich war ja wütend.

Dr. Schräg: Und was geschah dann? Und warum sind Sie jetzt eigentlich vorbestraft?

Anrufer: Weil ich zu schnell war und jemand überfahren habe. Ich war zeitlich gesehen doch schon ziemlich im Rückstand und musste mich jetzt beeilen.
Hätten denn Sie angehalten, als nach der Umkehr an der gleichen Stelle wieder eine nackte Frau am Fahrbahnrand winkte? Ich jedenfalls nicht und versehentlich bin ich dann wohl etwas zu weit nach rechts abgekommen.

Dr. Schräg: Sie sind etwas abgekommen. Also, wenn ich mir das so überlege … Nein, ich hätte auch nicht angehalten. Und vielleicht wäre auch ich ein kleines bisschen zu nahe an sie rangefahren – aus Versehen natürlich!

Anrufer: Danke, Herr Doktor Schräg!

Dr. Schräg: Gern geschehen!

 

Anmerkungen zur „Duldungsstarre“ bei weiblichen Schweinen

Mit weit reichenden Folgen – auch im zwischenmenschlichen Bereich!

Wie Eingeweihten bekannt, bewirkt ein Duftdrüsen-Sekret des Ebers bei brünstigen Säuen eine völlige Apathie. Für seine eindeutigen Absichten ist das eine sehr geeignete Verhaltensweise, kann er sich doch erst jetzt seiner immer schönen und auch so wichtigen Lieblingsbeschäftigung ungestört widmen. Es handelt sich hierbei um die sogenannte Duldungsstarre.
Nach neuesten Forschungsergebnissen aus den USA steht nun eine im zwischenmenschlichen Bereich anwendbare Variante des schweinischen Duftstoffes in Kürze vor dem Durchbruch. Allerdings regen sich schon erste Proteste gegen die Markteinführung. Ethisch, moralische Bedenken sind auch angebracht, wenn man bedenkt, dass in der praktischen Anwendung dem menschlichen Eber nur wenige Tropfen genügen, um ungehemmt seinen schweinischen Trieben frönen zu können.
Nach allerneuesten Forschungsergebnissen – diesmal aus Belutschistan – arbeitet eine sehr engagierte Gruppe von Forscherinnen an der Extrahierung eines Duftdrüsen-Sekrets, nun aber vom weiblichen Schwein, welches dem schnüffelnden Eber Lustmangel und fehlende Empfängnisbereitschaft signalisiert. Bisher haben die Eber entsprechend reagiert und sind leicht frustriert davongezogen. Wie sich allerdings Versuchspersonen männlichen Geschlechts verhalten werden, ist noch nicht endgültig geklärt. Es steht zu vermuten, dass zumindest einigen Exemplaren dieser Gattung die vom Objekt ihrer Begierde vorgetäuschte Lustlosigkeit oder gar die mangelnde Empfängnisbereitschaft völlig schnuppe sind, und sie sich ganz auf die Wirkung ihrer eigenen, vermutlich teuren Tropfen, verlassen werden.
Nun ist es auch nicht jedermanns Sache, sich mit einer erstarrten und völlig apathischen Frau zu vergnügen. Und was einem Schwein recht ist, sollte einem Menschen nicht billig sein. Was würde uns sonst von den im übrigen recht sympathischen Tieren unterscheiden?
Inzwischen ist auch bekannt, dass das schweinische Herz dem menschlichen aus medizinischer Sicht sehr ähnelt und sogar schon seine Transplantation von fortschrittlichen Chirurgen ins Auge gefasst wird. Bisher allerdings nur in einer Richtung: zum Wohle des menschlichen Patienten und nicht umgekehrt! Warum eigentlich nicht? Die Frage sei erlaubt, aus welchen ethischen oder moralischen Gründen man einem armen, herzkranken Schwein das lebensrettende menschliche Gegenstück nicht implantieren sollte. Zumal alle schweinischen Menschen ja sowieso schon ideale Voraussetzungen erfüllen und post mortem wenigstens einmal etwas Gutes bewirken könnten. Man wird dann allerdings damit rechnen müssen, dass bestimmte, eher wirtschaftlich orientierte Gruppen, sich vehement gegen diese humane Idee wenden werden. Ich denke da natürlich in erster Linie an die Fleischwarenindustrie, die starke Umsatzeinbußen befürchten muß. Wer isst noch Schweinefleisch, wenn in der Brust des ermordeten Tieres ein menschliches Herz geschlagen hat? Im umgekehrten Fall könnten nur Kannibalen die Frage definitiv beantworten, die aber schon rein zahlenmäßig für die Industrie nicht so wichtig sind. Vegetarier sind natürlich wieder einmal fein heraus.

Wie man sieht, ist das ganze Thema sehr komplex und meine Anmerkungen dazu sind nur als kleines Mosaiksteinchen im großen Puzzle gedacht. Vielleicht ist eine verständnisvollere Einstellung gegenüber unseren schweinischen Artgenossen ja ein erster Schritt zur Annäherung.